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Matt Groening will der Fernsehwelt nicht nur als Vater
der Simpsons in Erinnerung bleiben und also startete
im Jahre 1999 auf FOX in den USA seine zweite Zeichentrickserie
Futurama.
Der zeichnende Althippie, der sich gerne in beblumten Karibikhemden,
mit Vollbart und Brille zeigt, wollte eigentlich vorübergehend
zweigleisig fahren, um schließlich den mächtigen,
aber schon etwas angerosteten und überbeanspruchten Simpsons-Zug
in den wohlverdienten Bahnhof des Ruhestands zu schicken,
und sich voll und ganz auf das jungfräuliche Futurama
konzentrieren zu können.
Heute jedoch werden vom Autorenkollektiv rund um Matt Groening
(die Autoren arbeiten bereits sehr selbständig) weiterhin
Simpsons Episoden in Akkordarbeit ausgeworfen, während
Futurama nach nur 5 Staffeln bereits wieder abgesetzt
und zu Grabe getragen, oder wie man es bei FOX nennt, „die
Bestellung neuer Episoden eingestellt“ worden ist.
Obwohl der gierige US-Sender FOX unter den alten Down-Under
Fuchteln vom monopolistischen Oberunsympathler Rupert Murdoch
niedrige Einschaltquoten und zu spezifischen Humor, der nicht
mit Mainstream-Ansprüchen kompatibel sei, als Gründe
für den Stopp angibt, wirft Groening seinem Auftraggeber
vor, sich zu wenig um die im Jahr 3000 angesiedelte und in
New New York (das neue New York wurde im 28. Jahrhundert über
den Ruinen des zerstörten Originals wieder aufgebaut)
spielende Science-Fiction-Serie gekümmert zu haben.
FOX hat das mit gesunden und vielversprechenden Genen ausgestattete
Baby getötet und melkt wieder gewohnt die alte Cash-Cow...
"They haven't really supported it.
I think it's a worthy companion to the Simpsons and we're
really proud of it. But Fox gave it a bad slot and zero
promotion for the last three years."
(Matt Groening)
Während in den USA im Herbst 2003 bereits die 15. Staffel
über das kleinbürgerliche Leben der demokratischen
working-class Durchschnittsfamilie anläuft (voraussichtlich
erst ab Frühling 2005 auf Pro 7), fällt auf, dass
in den letzten Jahren der Humor der Simpsons permanent
abnahm.
Oft wird versucht eine fehlende oder flache Handlung durch
den Auftritt unzähliger Prominenter zu kompensieren,
was jedoch nur einige Zeit lang gut geht. Irgendwann geht
der Aha-Effekt verloren, welcher noch vor einigen Jahren auftrat,
als Homer plötzlich die Smashing Pumpkins traf, oder
der spießige George Bush Senior als Nachbar und Terrorziel
einzog. Mittlerweile fragen sogar mehr oder weniger berühmte
Persönlichkeiten bei Groening an, ob es denn nicht möglich
sei, einen kurzen Gastauftritt bei den Simpsons zu
arangieren. Einige Journalisten und Kritiker machen vor allem
Homer für den negativen Umschwung verantwortlich: Dieser
habe sich vom idiotischen, tollpatschigen, aber netten und
verantwortungsvollen Durchschnittsvater zu einem opportunistischen,
verantwortungslosen und aggressiven Egoisten gewandelt, dem
es auch ziemlich egal ist, dass er seinen Kollegen Frank Grimes
in den Tod treibt und für den Tod seiner Nachbarin Maude
Flanders verantwortlich ist. Das Problem ist aber nicht nur
die drastische Kehrtwende seiner Persönlichkeitsentwicklung
an sich, sondern die Emporhebung von Homer zum alleinigen
Star der Serie (ab den Episoden 7 u. 8 trat Barts Rolle deutlich
in den Hintergrund). Natürlich ist Homer als enfant terrible
nicht minder interessant und amüsant, aber viele alte
und treue Simpson Fans haben sich wohl an der doch zu plötzlichen
Änderung gestoßen.
Möglicherweise aber steigt die Qualität der Simpsons
jetzt wieder, denn Groening war während der gleichzeitigen
Produktion seines Zukunftstrickfilms und der altbekannten
Springfieldgang mit mehr Herz bei der Arbeit an Futurama
als bei den Simpsons. In einigen von ihm getätigten
Aussagen bezüglich der Einstellung von Futurama
kann man deutlich erkennen, dass das Stopp von FOX Groening
und seine Autoren verärgert und für ihn unverständlich
bleibt, da er noch sehr viel Potenzial sah und sehr zufrieden
mit dem bisherigen Ergebnis war. Außerdem sprach er
in einem Interview mit der BBC erstmals von einem Ende der
Simpsons.
Groening said the Simpsons will have to come to
an end sometime:
"Because animation is such an intensely painstaking
process, it wears people out, and audiences are always looking
for surprises. When any character is as stupid as Homer
Simpson, it's hard to keep surprising the audience."
(Matt Groening)
Schon öfters deutete er an, dass irgendwann die Zeit
kommen wird, um die Simpsons abzuschließen,
und sich schließlich voll und ganz einem neuen Projekt
widmen zu können. Und erst dann – wenn überhaupt
- wird es als krönenden Abschluss einen Kinofilm geben.
Vielleicht hat Matt Groening ja in diesem sogar genug Mut,
um endgültig mit Springfield abzuschließen und
lässt die Simpsons kollektiv ums Leben kommen
oder zerstört gar den Springfielder Mikrokosmos durch
einen Bombeneinschlag oder eine sonstige Katastrophe?
Auch wenn es nicht ganz so brutal werden dürfte, Groening
wird auf jeden Fall alles daran setzen, sich von FOX nicht
zu einer lauwarmen Lösung zwingen zu lassen, um eventuelle
Revivals und Fortsetzungen nicht auszuschließen.
Einige Mitproduzenten sprechen jedoch davon, dass die Simpsons
für immer weiter produziert werden könnten, auch
wenn Groening sich einem neuen Projekt widmen sollte.
Dieser musste sich Rupert Murdoch immer wieder unterwerfen
(schließlich halfen auch die Bitten, man möge doch
Futurama fortsetzen nichts), doch übt er in den Simpsons
und auch in Futurama gelegentlich Kritik an FOX:
Marge beschwert sich z. B. über das schlechte Fernsehprogramm
und in Futurama erfährt man, dass im Jahr 3000
ein Affe zum Firmenchef des Senders gewählt wird. Groening
wollte auch verhindern, dass FOX seine Serie nach Südafrika
verkauft, aber schließlich setzte sich der Konzern durch,
und Bart Simpson wurde auch dort berühmt und beliebt.
Ganz unterkriegen ließ sich Groening jedoch nie und
so sieht man in einer der älteren Folgen in Lisas Zimmer
auch ein großes buntes Anti-Apartheid Poster an der
Wand kleben.
Die Futurama-Produktion dürfte wohl nach 5
Staffeln endgültig eingestellt worden sein und vorerst
kann man die Geschichte von Fry, Leela, Bender & Co. nur
noch in gedruckten Comics weiterverfolgen. In der letzten
Staffel wurden zwar einige Handlungsstränge zwanghaft
zusammengeführt, aber man merkt, dass die Autorengruppe
wohl selbst wusste, dass dies die letzten Futurama
Folgen sein werden, obwohl Groening selbst sich eine Filmtriologie
vorstellen könnte. Dazu aber würde man schließlich
auch wieder die Genehmigung und vor allem viel Geld von FOX
benötigen.
Während in den Staaten Fry, Bender, Leela & Co.
(Leela wird in der Originalversion übrigens von Katey
Sagal gesprochen, die vor allem durch ihre Rolle als Peggy
Bundy in Eine schrecklich nette Familie berühmt
wurde;) innerhalb von wenigen Jahren Kultstatus erlangten
und ein lauter Schrei durch die Fangemeinde ging (Petitionen
wurden gestartet und einige Fans wollten sogar Geld sammeln,
um zukünftige Produktionen zu finanzieren), hielt sich
die Trauer unter den deutschen Groening-Fans doch eher in
Grenzen. Der Abschlusskommentar von Andreas Neumann in einem
bereits im Jahr 2000 veröffentlichten Artikel auf amigagadget.de
bringt das traurige Schicksal der deutschen Übersetzung
auf den Punkt:
„Futurama hätte die witzigste Serie
werden können, die es je im deutschen Fernsehen zu
sehen gab. Sie wird nun aber leider wohl eines der peinlichsten
Beispiele misslungener Adaptionen werden.“
(Andreas Neumann)
Was bei den Simpsons noch gut gelungen ist, endete
bei Futurama in einer mittleren Katastrophe. Die
Synchronisation ist derart schlecht, dass, wenn man einmal
das Original gesehen hat, die deutsche Version einem jeglichen
Spaß verdirbt und schon nach wenigen Folgen nur noch
nervt. Die Stimmen der Sprecher können im Gegensatz zur
US-Version kaum überzeugen, und es entsteht außerdem
der Eindruck, dass die Verantwortlichen meist den Sinn hinter
den Gags erst gar nicht verstanden haben und einfach wortwörtlich
übersetzten, wobei natürlich jeglicher Humor verloren
ging, während bei den Simpsons zwar die Stimmen auch
nicht wirklich an die der Originalversion herankommen, aber
die meisten Wortspiele doch zufriedenstellend übersetzt
wurden. Nicht zu vergessen natürlich solche Zumutungen
an das Futurama-Publikum, wie einfache Wörter
falsch zu übersetzen (Cryogenics = Genetik; eigentlich
Kryogenik, eine Forschungsrichtung, die sich mit dem Verhalten
von Stoffen bei tiefen Temperaturen beschäftigt), richtig
synchronisierte Passagen falsch zu betonen, oder ein Schild
mit der Aufschrift 1000 Years von einem OFF-Sprecher auf Deutsch
lesen zu lassen.
Angeblich sollen bereits noch am Tag der Erstausstrahlung
von Futurama bei Pro7 mehr als 300 Mails bezüglich
der katastrophalen Synchronisation eingegangen sein. Auf die
Forderung nach der Alternative Zweikanalton erwiderte Pro7,
dass dies „technisch nicht machbar“ sei; ein anderes
Mal hieß es, dass dazu eine weitere Lizenz benötigt
werden würde.
Während die Simpsons also auch in der deutschen
Fassung den typischen subtilen Groening-Humor versprühen,
muss man bei Futurama schon beinahe zwischen zwei
Serien unterscheiden: Der schwachen deutschen Übersetzung
und der exzellent produzierten US-Version.
Ursprünglich wollte FOX im Rahmen der Tracey Ullman
Show am 19. April 1987 eine Comicfernsehserie von Groenings
Life in Hell ausstrahlen. Da dieser jedoch Angst
um das Image seiner berühmten Comicreihe, die in mehreren
hundert Zeitungen und Zeitschriften weltweit veröffentlich
wird, hatte, erfand er innerhalb von nur 15 Minuten in einem
Nebenzimmer des Studios die Simpsons.
Bis auf Bart (abgeleitet vom englischen Wort Brat = Göre,
Rotzlöffel;) haben alle Familienmitglieder ihre Namen
aus Groenings Umfeld bekommen (sein Vater heißt Homer,
die Mutter hatte den Mädchennamen Margaret Simpson; Groenings
13- bzw. 11-jährige Söhne heißen wiederum
Homer und Abe).
Springfield selbst ist eine Melange aus Fiktion und Realität:
Groening übernahm zahlreiche Schauplätze aus seiner
Heimatstadt Portland (Atomkraftwerk, Evergreen Terrace,...)
und baute sie in Springfield ein, jedoch findet man das Springfield
der Simpsons in keiner Landkarte Amerikas. In den
USA gibt es mehr als 20 Städte mit diesem Namen, aber
kein Springfield verfügt über ein Atomkraftwerk,
einen direkten Zugang zum Meer, eine Gebirgskette und ein
China Town). Die kleine Heimatstadt der gelben Familie ist
also nichts als ein Mythos und steht symbolisch für die
vielen kleinen bis mittelgroßen Durchschnittsstädte
in den USA. Springfield scheint außerdem auf Grund der
nun schon 15-jährigen Laufzeit der Simpsons
beinahe jede Folge zu wachsen, da man für die ständigen
neuen Handlungen auch neue Schauplätze benötigt
(Gefängnis, Vergnügungsparks, Stadion,...). Man
müsste denken, dass aus der Kleinstadt mittlerweile bereits
eine Metropole geworden ist, doch fügen die Autoren stets
neue Gebäude hinzu und streichen andere aus dem Stadtplan
von Springfield. Einen solchen zu zeichnen wäre ohnehin
unmöglich, da nicht nur die Anzahl der Einrichtungen,
Parks, Häuser etc. variiert, sondern auch deren Anordnung
(das Atomkraftwerk z. B. steht regelmäßig an verschiedenen
Standpunkten). Mit diesen Problemen muss Futurama
nicht kämpfen, da sich in einer Metropole wie New New
York ohnehin hinter jeder Straßenecke ein kleines neues
Universum auftut, und die Autoren nicht auch noch auf eine
ordentliche Stadtplanung Rücksicht nehmen müssen,
obwohl die Simpsons natürlich den Vorteil haben,
dass man sich ob der ständigen déjà-vu
Erlebnisse in Springfield schnell zu Hause fühlt.
Dass Groening mehr als 15 Jahre, nachdem er in 15 Minuten
diese Sendung geschaffen hat, immer noch an den Simpsons
werken würde, und FOX mittlerweile einige Milliarden
Dollar damit verdient hat, hätte er sich damals wohl
nicht gedacht. Geld war wohl auch der Hauptgrund, warum sich
FOX für eine Fortsetzung der Simpsons und nicht
für Futurama entschied.
Die bescheidenen Simpsons brauchen immerhin nicht
so viel Geld wie die Bewohner der Zukunftsmetropole New New
York: Man kann schneller und vor allem billiger neue Folgen
produzieren, da dies bereits Routine ist, und außerdem
war der aufwändigere und feinere Zeichenstil von Futurama
wohl auch um einiges teurer.
Viel gravierender jedoch ist der Unterschied bei den Einnahmen
durch Merchandising und durch Auftritte der Simpsons
in der Werbung (Butterfinger, Intel,...).
Futurama hätte man erst mittels sündteurer
Marketingabteilungen auf dem Markt etablieren müssen,
und es wäre alles andere als sicher gewesen, ob sich
ein ähnlicher Erfolg wie bei den Simpsons eingestellt
hätte. Die Werbemaschinerie der Simpsons aber
läuft heute fast schon wie von selbst: Gelegentlich werden
die T-Shirt Designs verändert und neue Gimmicks auf den
Markt geworfen. Sammler kaufen innerhalb kurzer Zeit die oft
limitierten Produkte auf und warten gierig auf die nächsten
Fanartikel. Und Konzerne bieten Höchstsummen um mit Bart
und Homer werben zu dürfen.
Die fiktive Welt der Simpsons ist mit der realen
Gesellschaft mittlerweile derart verschmolzen, dass nicht
nur Produkte von Bart oder Homer verkauft werden, sondern
auch fiktive Marken, die von den fiktiven Persönlichkeiten
Springfields in der Serie bewundert und verkauft werden (Krusty
Fanartikel gibt es nicht nur im Kinderzimmer von Bart, sondern
finden sich auch in den Zimmern zahlreicher Simpsons-Fans,
Radioactive Man wurde nicht nur von den gelben Kindern gelesen,
sondern erschien auch auf echtem Papier und eine australische
Brauerei verkaufte erfolgreich Duff Bier, bis einige FOX Anwälte
das Unternehmen besuchten).
Mit Futurama hätte man es wohl schwer gehabt,
einen derartigen Erfolg zu erzielen, da vor allem die kauffreudigen
und begeisterungsfähigen Kinder und junge Jugendliche
eher mit Bart und Homer sympathisierten.
Die Simpsons entwickelten sich von einem trashigen
Slapstickzeichentrick zu einer systemkritischen Kultserie
der Postmoderne über die Postmoderne.
Die Handlung in der Gegenwart, der halbwegs beibehaltene Realismus,
die Durchschnittsfamilie Simpson und die jahrelange
Vertrautheit mit diesen sympathischen Comicfiguren ließ
unter vielen Fans vielleicht etwas Misstrauen aufkommen, als
man zum ersten Mal von Futurama hörte.
"Sowas wie die Simpsons in der Zukunft",
mögen sich vielleicht Einige gedacht haben, wozu auch
das ähnliche Aussehen der Figuren beitrug, welche Groening
auf seine begrenzten zeichnerischen Fähigkeiten zurückführt.
Doch was unterscheidet diese 2 Serien nun wirklich?
Bei der Gestaltung der Heimatstadt der Futurama
Protagonisten, New New York, sowie bei diesen selbst sind
Matt Groening ob der Zeit des Geschehens in der Zukunft keine
Grenzen gesetzt: Selbstmordzellen, Wissenschaftler, welche
die Lichtgeschwindigkeit erhöhen, Limbo-Tanz als olympische
Disziplin und zahlreiche außerirdische Rassen mit unterschiedlichsten
Eigenschaften und Aussehen unterscheiden Fry, Bender &
Co. wahrscheinlich am meisten von den Simpsons, bei welchen
die Produzenten letztendlich doch einen gewissen Grad an Realismus
beibehalten müssen und auch wenn das Treiben in Springfield
oft sehr absurd erscheint, wird am Ende jeder Folge der Ausgangszustand
wiederhergestellt. Homer muss mit einem Auto auf vier Rädern
zur Arbeit fahren und auch sonst scheint Springfield eine
normale Kleinstadt zu sein. Auf einen anderen Planeten zu
reisen können sich die Simpsons nicht erlauben
(ausgenommen in den Halloweenfolgen natürlich). Futurama
hingegen ist tabulos.
Gemeinsam mit dem aus unserer Zeit stammenden Fry erkennen
wir in Futurama, dass die Zukunft nicht mal ansatzweise
so sein wird, wie Fry und wir sie uns durch unsere Sciencie-Fiction
Sozialisation aus dem 20. Jahrhundert vorgestellt haben, obwohl
viele Dinge immer noch gleich geblieben sind: Diskriminierung
und Krieg wird es auch in 1000 Jahren noch geben, und Fry
ist auch eine halbe Ewigkeit später noch eine Art Botenjunge.
Im Gegensatz zu vielen uns bekannten Science Fiction Werken,
ist Futurama bunt. Menschen tragen keine sterilen
weißen Anzüge, sondern New New York erinnert mehr
an das reizüberflutende Tokio unserer heutigen Zeit.
Die bunten und schrillen Farben ändern jedoch nichts
daran, dass die Zukunft in Futurama eher düster
dargestellt wird (vor allem die Roboter scheinen nicht gerade
auf Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft programmiert worden
zu sein). Futurama ist die Welt, die „nach
dem Ende der klassischen Utopien und Dystopien der Science
Fiction übrig blieb.“ (Andreas Rauscher im Buch
Subversion zur Prime Time. Die Simpsons und die Mythen
der Gesellschaft)
Genauso unterschiedlich sind die beiden Groening-Produktionen
wahrscheinlich in ihrer Art des Humors. Bei den Simpsons
findet man permanente Systemkritk. Futurama hingegen
verfügt über einen oft absurden Humor und ist meist
auch bösartiger, grotesker und sarkastischer als die
Simpsons. Trotzdem schafft es Groening oftmals einen
Bezug zur Gegenwart herzustellen und diese humorvoll zu kritisieren,
indem er z. B. immer wieder die konservierten Köpfe von
uns bekannten Persönlichkeiten auftauchen lässt
oder etwa einen Richter Gelddiebstahl als das größtmögliche
Verbrechen der Menschheit bezeichnen lässt und so die
eventuelle Entwicklung der Zukunft vorwegnimmt. Dass die Simpsons
politischer sind als Futurama ist kein Zufall, sondern
war auch ein Anliegen von Groening bei der Gestaltung der
Simpsons:
„In der Politik sind wir zumindest in Amerika ziemlich
weit nach rechts gerückt und konservativ geworden.
Dazu möchte ich eine Alternative geben. Ich habe die
Nase gestrichen voll.“
Matt Groening
Er zeichnet in Futurama kein allzu fröhliches
Bild der Zukunft, obwohl er selbst nicht glaubt, dass die
Zukunft so aussehen wird, wie sie in New New York dargestellt
ist. Um alle Gags zu erkennen und zu verstehen, muss man sich
die einzelnen Folgen sogar noch öfter ansehen, als dies
bei den Simpsons der Fall ist. In der Großstadt
New New York ist das Leben hektischer als im kleinen Springfield,
und daher ist es bei einmaligem Betrachten der Serie unmöglich,
zahlreiche Gags oder Anspielungen die sich meist im Hintergrund
des eigentlichen Geschehens befinden, zu erkennen.
Die meisten Familien in Springfield werden von Scheidungen
oder anderen ernsten Ehekrisen verschont (ausgenommen die
van Houtens; deren kaputtes Familienleben sich wie ein roter
Faden durch die Serie zieht). Dies steht im Gegensatz zu vielen
populären TV-Serien und Filmen, in welchen man oft den
Eindruck hat, es müsse einem heutzutage schon peinlich
sein, wenn man Mitglied einer gewöhnlich Familie ist,
und nicht in einem hippen Patchworkhaushalt leben darf. Die
Simpsons vertreten hier einen konservativen Standpunkt:
Zu Beginn jeder Folge finden wir eine beinahe schon wieder
verdächtige Familienidylle vor, welche jedoch nur darauf
wartet, zerstört zu werden (meist von Homer oder Bart).
Schließlich wird alles daran gesetzt, den friedlichen
Ausgangszustand wieder herzustellen, was gegen Ende der Sendung
auch stets gelingt. Marge lässt zum Wohle der Familie
ziemlich viel über sich ergehen und erleidet ein oft
typisches Schicksal einer frustrierten Hausfrau, während
Homer die Probleme bei Moe versäuft.
In Futurama sehen wir, dass im Jahr 3000 meist nur
noch Singles umherirren, die zwar ebenfalls oft auf der Suche
nach Harmonie sind, aber doch eher häufig ihre Partner
wechseln. Auch Beziehungen mit Außerirdischen und Robotern
(Bender fürchtet kurzfristig, dass Fry „robosexuell“
ist, da er seine Zeit mit ihm verbringt) sind vorstellbar,
ja sogar an der Tagesordnung. Hier zeigt sich also ein komplett
anderes Bild als in Springfield: Fry, Leela und die anderen
im Team ihres Zustelldienstes sind Einzelgänger und auch
sonst findet man in New New York nur selten old school Familien.
Während Futurama eher eine Serie für Erwachsene
ist, schafft es Groening mit den Simpsons jung und
alt zu begeistern. Das Treiben in New New York, randvoll gepackt
mit Insider-Witzen, dürfte für einen 12-Jährigen
wohl nicht so interessant sein wie der Volksschulanarchist
und mit einer dem Alter entsprechenden typischen Mädchenfeindlichkeit
(jedenfalls bis er sich selbst verliebt) ausgestatteten Bart
oder dem tollpatschigen Homer. Die Tatsache, dass es die Simpsons
schaffen jede Altersgruppe zum Lachen zu bringen, ist da natürlich
ein großer Vorteil gegenüber Futurama,
welches vielleicht den bissigeren Humor vorzuweisen hat, dafür
aber nicht jedermanns Sache ist.
Jeder, der den Humor von Futurama versteht und mag,
wird auch die Simpsons lieben und verstehen; aber
nicht umgekehrt. Viele Futurama Gags sind ausschließlich
denjenigen verständlich, die ihre Kindheit und Jugend
vor dem Computer oder mit Science-Fiction Büchern und
Filmen verbracht haben. Bei den Simpsons finden wir
zwar auch unzählige popkulturelle Anspielungen und Insidergags,
jedoch findet man Bart und Homer auch witzig, wenn man die
Insider-Schmähs nicht versteht. Dies ist bei Futurama
oft nicht der Fall und hier ist eine gewisse Science-Fiction
und Computer Vorbildung notwendig (zahlreiche Anspielungen
auf z. B. 2001, Donkey Kong, Star Trek, Star Wars, Pac Man
usw..).
Vielleicht ist auch nicht genug Platz für 2 Groening
Produktionen gleichzeitig, aber es ist auch zweifelhaft, ob
Futurama je einen simpsonesken Kultstatus erreicht
hätte, wenn es vor diesen produziert worden wäre.
Die Simpsons sind wie Marilyn Manson. Sie sind subversiv
und kritisieren den Mainstream, indem sie diesen unterwandern
und selbst Mainstream werden. Futurama ist nicht
derart subversiv und politisch wie die Simpsons,
sondern eher absurd-witzig. Die amerikanische 08/15 –
Familie ist auch bereits Teil der Welt geworden, die sie parodiert.
In Quizshows werden Fragen über die Simpsons
gestellt und selbst Menschen, die wohl im echten Leben genau
so unerträglich wie Homer Simpsons selbst sind, tragen
Shirts mit Motiven ihres fiktiven Pendants über ihren
Bierbäuchen.
Die Simpsons leben zu einem Großteil von ihren
beiden unumstrittenen Hauptfiguren Bart und Homer. Diese beiden
stellen alle anderen Springfielder in den Schatten. Ein großer
Vorteil der Simpsons ist natürlich auch, dass
wir über die Jahre hinweg, als es Futurama längst
noch nicht gab, unzählige Charaktere kennen und lieben
gelernt haben. Der erfolglose Anwalt Lionel Hutz, der kiffende,
opportunistische Bürgermeister Quimby und noch viele
mehr tauchen immer wieder auf. Sie sind sozusagen die dritte
Garnitur hinter den Hauptfiguren der Simpsons und den Nebendarstellern
(Flanders, Wiggum, Krusty, Grandpa, Skinner, ...) und tragen
dazu bei, dass uns nach einigen Jahren die Stadt Springfield
schon beinahe vertraut erscheint und wir glauben, alle darin
lebenden Personen zu kennen. Außerdem kommen einem Personen
wie der korrupte Bürgermeister, der versoffen-dekadente
Entertainer Krusty und die frustrierte Lehrerschaft aus dem
eigenen Leben ziemlich bekannt vor. Viele von uns leben wahrscheinlich
selbst in einem Springfield. Nur freundliche Busfahrer, wie
der von Bart als 'cool' bewunderte Otto gibt es in Wirklichkeit
wohl eher kaum...
Dies alles kann Futurama nicht in diesem Ausmaß
bieten, da FOX dieser Serie die Zeit sich zu entwickeln gar
nicht gab, und außerdem sich ein Großteil des
Geschehens in Futurama nicht nur in New New York,
sondern auch auf anderen Planeten abspielt und sich nicht
nur auf den Mikrokosmos einer Kleinstadt wie Springfield bezieht.
Eine dritte Garnitur von Nebendarstellern findet man in Futurama
kaum. Dafür wirken die Hauptfiguren ausgereifter und
interessanter, was wahrscheinlich auch daran liegt, dass Groening
mehr Vorbereitungszeit hatte. Bender, der Roboter, ist die
unumstrittene Hauptfigur der Serie. Er stiehlt, ist Alkoholiker,
egoistisch und würde gerne alle Menschen töten.
Kurz gesagt, er hat alle Eigenschaft die einen Menschen unsympathisch
machen. Aber Bender ist ein Roboter und wurde so programmiert.
Er kann nichts für seine Schwächen. Und gerade das
macht den Anti-Helden Bender zum Publikumsliebling der Serie,
der vom Aussehen und auch den Eigenschaften Homer Simpson
nicht unähnlich ist. Homer ist zwar kein Roboter, aber
auch bei ihm haben wir das Gefühl, dass er nicht anders
sein kann und wir finden seine negativen Eigenschaften sogar
sympathisch.
Außerdem unterscheidet sich Futurama von den
Simpsons deutlich dadurch, dass es mehr wirklich
interessante und innovative Personen gibt. Den Pizzaboten
Fry, der aus der Vergangenheit kam, die einäugige Raumschiffkapitänin
Leela, der völlig unqualifizierte Hummer Dr. Zoidberg,
Hermes, der ehemalige Limbo-Champion, und noch mehr. Die Stärke
der Simpsons, nämlich die Darstellung einer
Welt wie wir sie alle kennen, ist zugleich ihre Schwäche,
da in Futurama mehr Platz für Innovationen und
Absurdes zur Verfügung steht.
Groening schuf mit den Simpsons eine Kultfamilie,
welche jedoch ihre beste Zeit bereits vor einigen Jahren hatte.
Das größere Potential für die Zukunft lag
sicherlich in Futurama. Während bei den Simpsons
jede Folge in sich abgeschlossen ist und am Ende mehr oder
weniger die Familienidylle wieder hergestellt ist und darauf
wartet, zu Beginn der nächsten Folge wieder zerstört
zu werden (vor allem Homer wandelt als Dekonstrukteur durch
Springfield), und nur wenige Zusammenhänge zwischen einzelnen
Folgen bestehen (natürlich gibt es auch hier Ausnahmen
und Entwicklungen, die im Laufe der vielen Simpsonsjahre eingetreten
sind, wie z.B. der Tod einiger Springfielder oder gelegentliche
Verweise auf vergangene Folgen), ist Futurama wesentlich
fortsetzungsorientierter (vor allem die Entwicklung der Beziehung
zwischen Fry und Leela). Matt Groening hatte Stoff für
viele Episoden im Kopf und war deshalb auch besonders verärgert
über die Absetzung. Durch das jähe Ende von Futurama
konnte Groening nicht mehr alle Handlungsstränge zusammenführen.
Die Serie mit dem größeren Potential ist sicherlich
Futurama, während den Simpsons langsam
die Ideen ausgehen. Es scheint, als hätten Bart, Homer
& Co. schon alles erlebt, was es in Springfield zu erleben
gibt. In den neueren Episoden finden sich auch bereits anstatt
der altbekannten Querverweise auf Filme, Bücher, Persönlichkeiten,
usw. immer mehr Selbstverweise auf frühere Simpsons-Folgen
und auch Homers charakterliche Wandlung vom netten Vater zum
verantwortungslosen Rüpel ist ein Indiz dafür, dass
es keine Handlungen mehr für den „alten Homer“
gab und man daher durch die Entwicklung zum aggressiven Familienvater
frischen Spielraum geschaffen hat.
Die Simpsons wurden in 15 Staffeln außerdem
nicht wirklich älter. Bart geht immer noch in die selbe
Klasse und Maggie kann auch nach 15 Jahren noch nicht sprechen.
Es ist schwer, neue Handlungen zu erfinden, wenn man bereits
15 Jahre damit verbracht hat, ca. ein Lebensjahr der Simpsons
zu portraitieren. Auch die Autoren wissen vom qualitativen
Rückgang, und so sieht man schon mal gelegentlich den
Comic Book Guy mit einem „Worst Episode Ever“
– Shirt durch Springfield schlapfen. Natürlich
hat auch der ständige Austausch der Autoren starken Einfluss
auf die Qualität und auch das Verhalten der Simpsons.
In den Glanzzeiten der Springfielder war z. B. noch der hervorragende
Conan O’Brien für einen Teil der Arbeit verantwortlich.
Matt Groening würde derzeit bevorzugt an Futurama
arbeiten, und vielleicht hat FOX doch die falsche Serie eingestellt?
Vorübergehend dürfte Groening selbst wohl eher damit
gerechnet (vielleicht sogar gehofft?) haben, dass die Simpsons
gestoppt werden, und nicht das von ihm favorisierte Futurama,
denn in einer Folge des Zukunftszeichentricks sitzt Rupert
Murdoch gemeinsam mit dem Roboter Bender und Mulder &
Scully (Akte X war neben den hier erwähnten
Serien und dem sehr empfehlenswerten Malcolm mittendrin
eine der wenigen gelungenen FOX-Produktion) in der Firmenzentrale
und warten auf Spenden von Fans, um die Simpsons
fortsetzen zu können, bis schließlich Bart eine
Summe von 50.000.000 Dollar zusichert. In der Realität
kam schließlich alles jedoch genau umgekehrt...
Die Simpsons sollten nicht so lange fortgesetzt
werden, bis sie nur noch zwanghaft lustig wirken und für
uns das werden, was Krusty in Springfield ist: Ein ausgereiztes,
zu Tode vermarktetes und überstrapaziertes Unterhaltungsprodukt.
Denn das haben sie nach mittlerweile 15 Jahren feinster Unterhaltung
– und vielleicht sogar Erziehung - wirklich nicht verdient.
Hier könnt Ihr
den ganzen Text als PDF-Datei herunterladen.
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